Hintergrund

Die Geschichte von Feyge und Schmuel

Die Geschichte

Als die alte Feyge zu Grabe getragen wird, ist ihr Sohn Schmuel schon ein älterer Mann. In ihrem Testament findet er einen Brief. Darin liegt ein schlichter Ring, eingewickelt in ein Stück schwarzes Tuch. Zum ersten Mal erfährt er, wer sein Vater war und wie seine Eltern geheiratet haben.

Herbst 1918. Die Spanische Grippe erreicht ein jüdisches Städtchen in Osteuropa. Täglich werden Tote zum Friedhof getragen, und keine Medizin hilft. In ihrer Not greift die Gemeinde zu einem Volksbrauch, der schwarzen Hochzeit. Zwei junge Menschen werden auf dem Friedhof getraut, mitten zwischen den frischen Gräbern. Die Wahl fällt auf Feyge und Schmuel. Sie kennen einander nicht. Unter einem schwarzen Baldachin steckt er ihr den Ring an, und die Gemeinde antwortet: Amen.

Kurz darauf stirbt Schmuel an der Grippe. Feyge bleibt zurück, mit dem Ring, dem Tuch und einem Kind, das den Namen seines Vaters trägt. Sie schweigt ein Leben lang. Erst ihr Testament spricht.

Eine alte Frau mit Kopftuch und weinrotem Schal steht im Nebel auf einem alten jüdischen Friedhof und hält ein schwarzes Tuch an sich gedrückt.
Bild: KI-generiert

Was ist eine schwarze Hochzeit?

Die schwarze Hochzeit (jiddisch shvartse khasene) hieß auch Cholera- oder Seuchenhochzeit (mageyfe khasene). Sie war ein Brauch der jüdischen Gemeinden Osteuropas, etwa ab 1830. Um eine Seuche aufzuhalten, verheiratete die Gemeinde ihre verletzlichsten, am stärksten ausgegrenzten Mitglieder miteinander, Waisen, Bettler oder Menschen mit Behinderung, bei einer Hochzeit auf dem Friedhof.

Der Ort hatte eine Bedeutung. Der Friedhof ist ein Grenzort zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Die Hochzeit setzte mitten in das Reich des Todes, zwischen die frischen Gräber der Seuche, ein Ritual des Lebens und zog so eine Grenze. Eine Klezmerkapelle führte den Zug zum Friedhof an, und die ganze Stadt kam.

Umstritten war der Brauch von Anfang an: Als in den 1860er-Jahren solche Hochzeiten bei Cholera-Ausbrüchen gefeiert wurden, verurteilten jüdische Gemeindeführer in Osteuropa die Praxis und versuchten, sie zu unterdrücken.

Während der Spanischen Grippe 1918 kam der Brauch mit den Einwanderern auch nach Nordamerika. Eine der bekanntesten schwarzen Hochzeiten fand im Oktober 1918 auf einem Friedhof in Philadelphia statt, mit über tausend Gästen. Im selben Jahr heirateten in Winnipeg Harry Fleckman und Dora Wisman auf diese Weise. Vergangen ist der Brauch bis heute nicht: Noch während der Corona-Pandemie wurden in Bnei Brak in Israel zwei Waisen auf einem Friedhof getraut.

Almana, die Verstummte

Almana (אַלְמָנָה) ist das hebräische Wort für „Witwe“. Eine alte jüdische Deutung hört darin das Schweigen. Der mittelalterliche Grammatiker Rabbi Jona Ibn Dschanach führte das Wort auf eine Wurzel zurück, deren Grundbedeutung „Stummheit“ ist, wie im Wort illem, „stumm“. Ein Talmudkommentator schrieb, die Almana sei wie eine Stumme, denn niemand verteidige sie. Sprachwissenschaftlich ist das nicht gesichert, als Bild ist es aber alt. Feyge ist eine solche Almana: Ihr Leben lang spricht sie nicht über das, was geschah.

Musik und Geschichte

Das Stück ist ein Trauermarsch in d-Moll, und er erzählt von zwei Begräbnissen. Es beginnt an Feyges Grab. Aus einzelnen Glockenschlägen formt sich eine Melodie, und die Erinnerung führt zurück ins Jahr 1918.

  • Das OstinatoEin tiefes D der Orgel schlägt unerbittlich durch das ganze Stück. Ostinato ist italienisch und heißt „hartnäckig, unerbittlich“: eine Figur, die sich stur wiederholt. Es ist das Verhängnis, die Seuche, das Schicksal, dem niemand ausweicht.
  • Die KlarinetteSie singt das Hauptthema. Sie ist Feyges Stimme.
  • Der ChorEr ist die Gemeinde, die berät, entscheidet und Amen sagt.
  • Hochzeit und TrauerHymnische Themen, ein orientalisch gefärbtes Klagelied und ein Tanzrhythmus liegen über dem Schritt des Trauerzugs, wie das Fest zwischen den Gräbern.
  • Das AmenDer lauteste Moment des Stücks ist ein großer, zweisilbiger Seufzer, gespielt vom ganzen Orchester, ohne Worte. Er erinnert an Mozarts Requiem, das ebenfalls in d-Moll steht. Dort schließt das Lacrimosa mit einem Amen, das von g-Moll nach D-Dur führt: Es kommt an und tröstet. Das Amen in Almana beginnt mit demselben Akkord, führt aber nach A-Dur, auf einen Klang, der nach Auflösung verlangt. Die Auflösung kommt nicht, es folgt Stille. Mozarts Amen findet nach Hause, dieses bleibt eine Bitte ohne Antwort. Schmuel stirbt, und Feyge verstummt.
  • Das TestamentJahrzehnte später rufen die Hörner noch einmal. Feyges Schweigen bricht mit voller Wucht.
  • Der SchlussEr bringt keinen Triumph, sondern leise Trauer. Was geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Am Ende zerfällt die Musik wieder in Fragmente, wie die Glocken am Anfang.

Die Geschichte von Feyge und Schmuel ist frei erfunden. Sie ist angelehnt an die schwarzen Hochzeiten, die 1918 während der Spanischen Grippe tatsächlich gefeiert wurden.

Quellen